Einblick in die heutige Hofkirche
Der gesamte Südflügel des Bruchsaler Barockschlosses ist von der Gründerzeit an (Fürstbischof Damian
Hugo Graf von Schönborn, Kardinal von 1719 bis 1743) Schloss- und Pfarrkirche. Nach der totalen Zer-
störung am 1. März 1945 wurde die Hofkirche durch das Land Baden-Württemberg wieder aufgebaut,
das durch die Säkularisation Nachbesitzer des gesamten Schlossareals ist.
Der Heidelberger Architekt Prof. Dr. Lothar Götz verstand es, mit den architektonischen Vorgaben des
Schlossflügels einen Sakralraum zu schaffen (1960 - 1966), der ganz auf das Wesentliche zielt. Mittig
zieht der erhöhte Altar im lang gezogenen Kirchenschiff den Blick auf sich. Jesus Christus ist ja die
Mitte unserer zentralen Glaubensfeier, der Eucharistie: wir sagen an diesem Ort Gott immer und
immer wieder Dank für Jesus, Seinen Sohn, der den Tod besiegt und uns in der Erlösung aus dem
ewigen Tod die Sinnantwort auf unser Leben gegeben und die Ewigkeit als Ziel vor Augen gestellt hat.
Das Bekenntnis nach der Hl. Wandlung:
"Deinen Tod, o Herr, verkünden wir und Deine Auferstehung preisen wir, bis Du kommst in Herrlichkeit"
ist bildlich dagestellt im einprägsamen bronzenen "Wotruba-Kreuz" (in der Kunstwelt wird Fritz Wotruba,
*23.4.1907 / + 28.8.1975 in Wien, als einer der bedeutendsten Bildhauer des 20-sten Jahrhunderts
bezeichnet). Von ihm stammen auch Tabernakel, Altarleuchter, Ewiglicht-Halterung und Taufstein.
Die Thematik der Auferstehung ist im Oktogon-Leuchter über dem Altar aufgegriffen. Die Zahl 8 (okto)
sagt aus: Alles Geschaffene (7 Tage) ist der Endlichkeit preisgegeben. Aber am 1. Tag der neuen Woche,
also am 8. Tag, ist Christus von den Toten auferstanden. Er zeigt in seiner Person, dass Gott stärker ist
als der Tod. Aufgegriffen wird dieses Bekenntnis der von Gott geschenkten Zukunftsperspektive durch
den Altar selbst: er symbolisiert nicht nur den Abendmahlstisch, sondern das leere Grab ist das erste
Zeichen der Auferstehung (Tradition der Ostkirche). Diese Deutung ist auch in der letzten Station des
"Hap-Grieshaber-Kreuzweges" zu finden. In Kunstkreisen findet der Kreuzweg besondere Beachtung
durch die Einmaligkeit, dass der Künstler (* 15.2.1909 / + 12.5.1981) die hölzernen Druckstöcke stilisiert
hat in einfachem weiß und gold - der Farbe der Ewigkeit.
Bemerkenswert in der heutigen Hofkirche ist die Vitrine in der nordwestlichen Vierung. In einem Tresor des
Hochbauamtes fand man 5 Jahrzehnte nach der Zerstörung 9 bronzene Figuren der Apostelgruppe
um Jesus (aus dem Jahr 1593), die über dem Tabernakel des ehemaligen Hochaltares standen!
Seit der Renovation der Hofkirche 1998 schaffen sie eine historische Brücke zur früheren Hofkirche -
wie das silberne Vortragskreuz im Altarraum und dem aus Schutt und Asche geborgenen Osterleuchter
aus der Schönbornzeit um 1730.
Eine Bild-Text-Dokumentation im Eingangsbereich bei der "Walker-Orgel" (Ludwigsburg 1969) verdeutlicht
die Tragik der Zerstörung am 1. März 1945 und gibt einen kleinen Einblick in die prachtvolle Vorgänger Kirche.
Es gibt immer noch "alte Hofkirchler", die dem Glanz der barocken Hofkirche nachtrauern.
Dem jetzigen Pfarrer ist eine jeden Sonntag volle Kirche lieber, als eine museale Kirche, in
der nur Entstehungszeit, Baumeister und Künstler interessieren. Außerdem werden die Schlossbesucher
durch die schlichte Hofkirche an das geschichtliche Desaster des 3. Reiches erinnert - auch daran, dass
trotz äußerer Zerstörung das Innere des Glaubens nicht ausgelöscht werden kann!
Die Herzmitte - der Glaube an Jesus Christus, dem Gottessohn - bleibt in unserer Seelsorgeeinheit
wichtiger als alles Äußere!
Nochmals besonderen Dank und Anerkennung dem herausragenden Architekten Prof. Dr. Lothar Götz,
dem ein Wiederaufbau einer Kirche mit klarer theologischer Aussage so gut gelungen ist.
Pfarrer Edgar Neidinger
