Kreuzweg der Versöhnung 2. Seite

 

6.Station
Veronika zeigt das Schweißtuch

Nicht das Antlitz Christi ist diesem Tuch aufgeprägt. Es
sind auf ihm abgebildet die Marterwerkzeuge der Nägel
wie eine Dornenkrone. Es erinnert an die Dornenkrone
über der Kirche in Dachau. in dieser Dornenkrone ist
alles Leid beschlossen. Veronika hat sich dem Leid ge-
öffnet; mit weitgeöffneten Armen hält sie das Tuch. Es
ist die alte Orante-Stellung, die Gebetshaltung, die das
Geöffnetsein zu Gott hin symbolisiert. Ihr Gesicht ist ge-
zeichnet von den Tränen, fast ohne Mund. Sie trägt das
Leid schweigend, sie handelt.

Um sie herum Menschen mit verschiedenartigem Aus-
druck: anteilnehmend, neugierig, ablehnend; ein
Spiegelbild der ganzen Menschheit.

Der handelnde, mitleidende Mensch ist geöffnete, der
Schauende!

Bild von Hap Grieshaber




Bild von Hap Grieshaber

7.Station
Jesus fällt zum zweiten Mal unter dem Kreuz

Von Fall zu Fall lastet das Kreuz schwerer auf ihm. Am Boden
liegt der zerschlagene Christus. Auch in diesem Bild ist das
Haupt nicht zu sehen.Ein Wurm bin ich, kein Mensch.

Über dem Herrn türmen sich Berge, Symbole der lastenden
Sündenschuld. Kreischende Vögel ziehen über ihm hin. Man
fühlt fast, wie die Kreatur aufschreit, sich aufbäumt,
von einer Dynamik ergriffen wird, während Christus von den
Menschen verlassen am Boden liegt. Aber strahlend ragt über
Christus auf das Zeichen des Kreuzes. Am Boden liegend,
umschlingt Christus mit seinen Armen das Kreuz. Man denkt
an Nietzsches Bild von den Krähen:"Sie ziehen schwirrend
flugs zur Stadt. Weh dem, der keine Heimat hat." Der in
Sünden gefallene Mensch, der ich von Gott abgewendet hat,
ist in Wahrheit heimatlos.

Haben Sie beachtet, daß der Künstler fast durchweg in der Dar-
stellung des Kreuzes die Form des Tau-Kreuzes verwendete?
Schon bei antiken ölkern fand dieses Tau-Kreuz als Symbol
Verwendung. Auch die altmerikanischen Völker kannten dieses
Zeichen als Symbol des Lebens. Der Querbalken symbolisiert
den Himmel, der Längsbalken den befruchteten Quell des Lebens,
den Regen. Im ägyptischen, sog. Nilschlüssel, symbolisiert ein
ähnliches Zeichen die alles beherrschende Sonnenkraft.

So wird der zweite Fall überstrahlt vom leuchtenden Symbol
des Lebens.

8.Station
Jesus begegnet den weinenden Frauen von Jerusalem

Eine unheimliche Ruhe spricht aus diesem Blatt.
Christus ist unter das Kreuz gebannt. Für ihn gibt es
kein zurück. Entschlossen und fest umgreift er das
Kreuz, den Blick nach vorn, auf das noch größere Leiden
gerichtet.-"Wenn du die Hand an den Pflug legst,
schau nicht zurück."

Die weinenden Frauen, die Gesichter von Tränen zer-
furcht, zum Teil ohne Mund, stehen wie Silhouetten
nebeneinander. Ein Parallelismus steckt in diesem
Bildaufbau: Jede neben der andern, deutlich vonein-
ander getrennt und doch auf dem gleichen Weg.

Mit Christus leiden heißt, den Weg des Kreuzes zu
gehen, ohne Klage. Hier wird deutlich, daß der Kreuzweg
nicht Strafe sein muß und kann, denn auch Maria, voll
der Gnaden, geht diesen Weg. Der Kreuzweg ist somit
der eigentliche Weg, der hinführt zu Christus.

Bild von Hap Grieshaber
Bild von Hap Grieshaber

9.Station
Jesus fällt zum dritten Male unter dem Kreuze

Immer schwerer scheint das Kreuz zu werden. Als mächtige Diagonale
durchmißt es das ganze Bild. Als unverkennbares, klares Zeichen lastet
es über der hier nicht mehr erkennbaren Christusfigur. Wie von Geißel-
hieben zerfetzt, zerschlagen, fast eine undefinierbare Masse: "Nicht
Gestalt hat er, noch Schönheit, ein Mann der Schmerzen, der die
Schwachheit erfahren."

Und dennoch kommt formal gesehen, ungeheure Kraft zum Ausdruck,
indem sich die Figur wie ein Berg auftürmt und gegen die lastende
Wucht des Kreuzes stemmt. Unheilvoll rollen über ihn Wolken, die aber
rosettenartig geschmückt sind, ein Symbol der Göttlichen.

So werden die schweren, geballten Wolkenformen aufgelöst in ein
Rosenmotiv, dem Zeichen der Liebe.

Es gibt letztlich keine andere Antwort auf das Kreuz als die Liebe.

10.Station
Jesus wird seiner Kleider beraubt

Selbst die Kleider werden Jesus vom Leib gerissen.

Fragen wir uns, wie sieht der Künstler diesen Akt
menschlicher Demütigung? Das Bußgewand hat man
Jesus abgenommen. Aber sieghaft ruhig ragt Christus
auf. Das wahrhaft Gute kann durch die Entblößung nicht
geschmäht werden, sondern wird dadurch erst recht
offenbar.

Mit überlegener, herrscherlicher Gebärde steht Jesus vor
dem Kreuz. Wie hilflose Marionetten sind die beiden
Soldaten rechts im Bilde dargestellt.

Formal gesehen geht ein Riß durch das Bild zwischen
ihnen und Christus. Groß und fest dagegen steht der
Soldat links im Bild, der Jesus das Kleid ausgezogen
hatte. Mit der Gebärde eines Johannes weist er mit dem
einen Arm auf den, den er erkannt durch seine schmäh-
liche Tat. Sie ließ ihn erkennen:"Wahrhaftig, dieser war
Gottessohn."

Bild von Hap Grieshaber
Bild von Hap Grieshaber

11.Station
Jesus wird ans Kreuz genagelt

Sind wir nicht gewohnt, selbst diese Grausamkeit der Kreuzan-
nagelung in weichen, harmonischen Farben und Formen darge-
stellt zu sehen? Was er Künstler aber in dieser Szene gestaltet,
ist ein einziger Aufschrei.Heftig wirken die Formen der verrenkten
Glieder. Wie im äußersten chmerz verkrampft, greift zeichenhaft
die Hand ins Leere. In einer abschüssigen Linie teilt das am Boden
liegende Kreuz das Bild in zwei älften. Wie Zeichen stehen die
Silhouetten der erhobenen Hand und des mit ausholender Hand
drauflos hämmernden Soldaten in diesem Bildraum einander ge-
genüber.

Am Boden liegt schwer der Körper des gequälten Christus, neben
ihm überdimensional groß die Marterwerkzeuge: Zange und Nägel.

Aber wenn wir genau hinschauen, dann leuchten groß die Buch-
staben INRI: Jesus Nazarenus Rex Judaeorum.

So wirkt selbst dieses grausame Schauspiel eben nur auf diesem
vom öttlichen gezeichneten Hintergrund verständlich

12.Station
Jesus stirbt am Kreuze

Die Menschen, die bis unters Kreuz gefolgt sind, treten
in diesem Augenblick äußerster Verlassenheit wie blasse
Schatten zurück: die knieenden Frauen unter dem
Kreuz, Johannes, der wie Thomas den Finger in die
Seite des Herrn legt, Zeichen des Glaubens, und links
außen der Hauptmann. Alles ist um Christus herum ver-
blaßt. Deutlich treten allein Christus und die Marterwerk-
zeuge hervor. Klar zeichnen sich die Glieder des Herrn
ab, umgeben vom leuchtenden Goldglanz seiner Gött-
lichkeit. Auch hier ist das Haupt Christi nicht mehr zu
sehen. Es überragt das Bild.

Soll damit gesagt sein, daß die Glieder immer noch ans
Kreuz geheftet sind, daß Christus in seinen Gliedern das
Leiden fortsetzt?

Bild von Hap Grieshaber

Bild von Hap Grieshaber

13.Station
Jesus auf dem Schoße seiner Mutter

Hier haben wir eines der ergreifendsten und schönsten Bilder
vor uns. Der im Hintergrund angedeutete Kalvarienberg wird
unterteilt durch das estufte Spitzbogenmotiv eines gotischen
Portals. Und auch rechts neben Maria erkennen wir in dem
auftragenden Berg das gleiche Motiv. Die eigentliche Bildmitte
bildet die mächtig dasitzende, weinende Mutter it dem toten,
zerschlagenen Leichnam auf ihrem Schoß. Sie nimmt ast das
ganze Format ein. Das Haupt Jesu ist auch hier wiederum nicht
zu sehen.

Es fällt nicht schwer, in der Darstellung Mariens die Mutter Kirche
mit dem zerschlagenen Leib des Herrn dargestellt zu sehen.
Diese Gestaltung läßt vermuten, daß Grießhaber im Motiv der
Pieta das gesamte Leiden konfessioneller Gespaltenheit zu
einem Zeichen verdichtete. Zwischen den durch das Spitzbogen-
motiv symbolisierten Kirchen sitzt die weinende Mutter, leidend
am Tod ihres Sohnes und an der konfessionellen Zerrissenheit.
Bei der Mutter sollten die Konfessionen sich vereinen unter
dem aufragenden Kreuz.

14.Station
Jesus wird ans Grab gelegt

Dem Künstler geht es in diesem Bild gar nicht darum,
eine Grablege zu gestalten. Christus ist nicht zu sehen.
Das Grab wird in diesem Bilde zum Altar, dessen Vor-
derseite von Rosetten geschmückt ist, dem Zeichen
göttlicher Liebe. Menschen mit Palmzweigen in Händen,
als Zeichen des Sieges, umstehen den Altar. Ver-
schwunden ist das Leid und alle Anzeichen der furcht-
baren Qualen. Ernst und gesammelt umstehen die
Menschen das Grab, als ob sie wüßten von der Aufer-
stehung und warteten auf die Herrlichkeit des verklärten
Christus. Stark leuchtet der goldene Hintergrund, Sym-
bol der Göttlichkeit des Sieges über Tod und Sünde.

In der ganzen Gestaltung versucht so der Künstler statt
der Grablege den Sieg über den Tod, das alles durch-
dringende Osterlicht, Symbol der beherrschenden
Gotteskraft, im Bild zu verwirklichen, indem er Motive
des Palmsonntags, von Ostern und von Emmaus in
einem Bilde vereinigt.



Bild von Hap Grieshaber