Wissenswertes über die Stadtkirche

Die Stadtmitte Bruchsals weist schon früh ein religiöses Zentrum auf. Ausgrabungen 1953 unter der Stadtkirche bezeugen Fundamente des Bruchsaler Königshofs (um 950). Zu diesem gehörte eine romanische Chorturmkirche. 4 Kaiser hielten sich auf dem Königshof zu Bruchsal auf:

Otto II. (973 - 983) Heinrich II. (1002 - 1024)
Otto III. (983 - 1002) Heinrich IV. (1056 - 1106)

Bei diesen Ausgrabungen stieß man sogar noch auf ältere Fundamente unter dem ottonischen Gotteshaus, die auf Konrad den Roten, Graf von Worms, zurückgehen. Um 940 - 950 wurden unter ihm Schutz- und Trutzburgen wider die räuberischen Ungarn gebaut. Die Stadtkirche in der heutigen Dimensionierung wurde im 15. Jahrhundert errichtet, der gotische Chor schon im Jahr 1447 vollendet. 1507 übertrug der Speyrer Bischof Philipp I. (1504 - 1513)
dem freien Ritterstift Odenheim die Liebfrauenkirche: Grund für den späteren jahrzehntelangen Streit mit der Stadtpfarrei, die 1590 offiziell errichtet wurde. Gegenstand der Auseinandersetzung war die Nutzung des Hauptaltares. Gotische Madonna
Den 30-jährigen Krieg (1618 - 1648) scheint die Stadtkirche unbeschadet überstanden zu haben. Im Niederländischen und Pfälzischen Krieg wurde Bruchsal von den Franzosen 1676 niedergebrannt, „darunter die schöne Stiftskirche mit dem Turm, der Orgel, den Glocken und den Uhren, wie auch mit allem, was die armen Leute darein geflüchtet“ (aus dem Stadtkirchenführer). Der 9. August 1689 ist auch ein verheerendes Datum für die Stadtkirche: die von Heidelberg kommenden Franzosen haben die Stadtkirche total zerstört! Bischof Heinrich Hartard von Rollingen ließ 1716 /1717 Chor und Langhaus einwölben, 1723 war die Stadtkirche wieder vollendet - in der Zeit der Entstehung der Hofkirche unter Fürstbischof Damian Hugo von Schönborn! Kein Brand, aber für die Stadtpfarrei äußerst einschneidend war das Jahr 1803. Im Zuge der Säkularisation fiel der rechtsrheinische Besitz des Hochstifts Speyer und des Ritterstifts Odenheim (im Wert von 37,6 Mio. Gulden) an den Markgrafen von Baden. Heute gehört die Stadtkirche dem Land Baden-Württemberg, das wegen dieser Besitzverhältnisse die Kirche nach der Zerstörung am 1. März 1945 sowohl wieder aufbauen (19.10.1958) als auch 1994/95 generalsanieren musste. Seither schlagen Originalschlusssteine sowie Epitaphien im Turmvorraum eine Brücke zu der bewegten Vergangenheit.

Beim Betreten der im Stil der 50-ger Jahre wieder aufgebauten Stadtkirche schwingt diese bewegte Geschichte mit. Der in gotischem Stil wieder aufgebaute Chorraum ist gleichzeitig der Altarraum. Hier feiern wir überzeugt das Geheimnis unseres Glaubens, das uns Jesus Generationen übergreifend aufgetragen hat: Tod und Auferstehung Christi als Erlösungstat Gottes. Nur durch das Eingreifen Gottes in die Menschheits-geschichte haben wir die Perspektive für die Ewigkeit, die leider vielen "modernen" Menschen abhanden gekommen ist. Das Äußere der Kirche können Menschen zerstören und - wie am Beispiel der Stadtkirche zu sehen - wieder aufbauen! Das, was Gott Großes an uns getan hat durch die Erlösung in Christus, Seinem Sohn, kann der Mensch nicht zerstören, auch wenn er es unablässig versucht, indem er Gott missachtet, IHN vergisst oder gar für tot erklärt!

Da im geschichtlichen Beitrag die Ausstattung der Stadtkirche angesprochen ist, sei hier nur auf besondere Exponate hingewiesen.

Das historische Kruzifix (von 1580) zeigt eine Seltenheit: das INRI ist nicht nur in griechischer und lateinischer Sprache ganz ausgeschrieben, sondern in der aramäischen Muttersprache Jesu.

Die wunderbare gotische Muttergottesstatue (von 1450) an der nördlichen Chorwand ist für die Gläubigen der Stadt Bruchsal ein besonderes Symbol: diese Steinplastik hat alle Brände und Zerstörungen der Kirche überlebt und gibt mit dem milden Antlitz Mariens und dem ihres Kindes dem Beter Mut und Hoffnung. Die Grundfarben der Gotik in dieser Statue (gold - rot - blau) hat der Kraichgauer Künstler Agostini Batisti im neugestalteten Hauptportal (1994/95) aufgenommen. Ebenso waren diese Farben ausschlaggebend für das "Farbkonzept" des gegenüberliegenden Pfarrzentrums (Vinzentiushaus 1999, Prof. Dietrich Oertel, KA).

Die reichhaltige Thematik der gelungenen Chorfenster (Entwurf Wilhelm Geyer, Ulm), das Rundfenster in der Taufkapelle (Mac Lean, Heidelberg), die Altarausstattung (Tabernakel, Kanzel, Taufbrunnen von Otto Herbert Hajek, Stuttgart) und die überlebensgroßen Statuen über den Seitenaltären: Maria mit Kind und Aufererstandener mit Thomas (von Emil Sutor, Karlsruhe), die Schluss-Steine von 1450 im Turmraum und die Ornamentik auf den Außentüren (Zellenschmelzemailbilder von Käthe Ruckenbrod, HD-Ziegelhausen) sind alle aussagestark und betrachtenswert. Näheres ist im Kirchenführer, der am Schriftenstand aufliegt, nachzulesen.

Die Stadtkirche bleibt trotz zahlenmäßigem Rückgang der Pfarreimitglieder Mittelpunktskirche der Stadt Bruchsal und prägt mit ihrer markanten Silhouette die Kernstadt - nicht nur äußerlich!

Pfarrer Edgar Neidinger